London is always a good idea - isn´t it?

 

Die Red Hook Crit Series sind eine Fixedgear-Rennserie, deren Rennen in New York, London, Barcelona und Mailand ausgetragen werden.

Red Hook, benannt nach dem Viertel im Stadtteil Brooklyn in der das Rennen vor nun 10 Jahren zum ersten Mal, im Zuge einer Geburtstagsfeier, veranstaltet wurde. Das damalige Geburtstagskind David August Trimble ist immer noch der Veranstalter, aus einem illegalen kleinen Straßenrennen hat sich jedoch mittlerweile ein internationales Bahnradrennen entwickelt, das Rennfahrer aus bis zu 29 Nationen anzieht.

Nachdem ich im letzten Herbst mein erstes Fixed-Rennen recht erfolgreich absolviert hatte, stand für mich fest, dass ich dieses Jahr genau an dieser Championship Series teilnehmen möchte. Bei meiner RHC-Premiere im April in New York konnte ich mir einen achten Platz, die Firstlap Prime und den Rockstar Games Top Antagonist Award sichern.

 

Photocredit: Steve where´s Tom

Ein guter Einstieg also in meine neue Sportart und ich hatte Lust auf mehr.

Für London hatte ich mir also eine Top 5 Platzierung vorgenommen. Seit April hatte ich fleißig Erfahrung in Straßen- und Fixedgear-Rennen gesammelt und wollte diese für eine Platzierung weit vorne nutzen. Im letzten Jahr war das Frauenrennen in London eine One-Woman Show mit Dani King.

Die Olympiasiegerin und dreifache Weltmeisterin überrundete auf der 950 m langen Rennstrecke das komplette Feld und sorgte damit für Furore. Auch 2017 stand Dani King wieder auf der Startliste und mit ihr einige ihrer Freundinnen aus Straßen- und Bahnradsport. Plötzlich kam mir mein Vorhaben etwas blauäugig vor. Nachdem unser Flug Donnerstags annulliert wurde und sich der Flug am Freitag um zwei Stunden verspätete, kamen wir Freitagabends schon etwas angespannter und später als geplant in London an. Am Abend stand dann noch die Vorbelastung auf dem Plan.

 

Mit Linksverkehr, einem festen Gang von 50/15 in einer Gegend die Maze HILL heißt, war diese jedoch eher frustrierend und wenig regenerativ. Renntag.

Regen wurde angekündigt, doch uns weckte strahlender Sonnenschein und die Wetter-App hatte ebenfalls ihre Meinung geändert. Nur am Abend ein kurzer Regenschauer. Ideal also, vor allem weil das Fahrerlager nicht überdacht sein sollte. Das Rennen startet gegen Mittag mit den Qualifikationsrennen.

Fünf Rennen bei den Männern und zwei bei den Frauen. Die Top 5 eines jedes Rennens der Männer und die Top 10 bei den Frauenrennen qualifizieren sich für die sogenannte Superpole. Hier werden im Einzelzeitfahrmodus über eine Rundenlänge die Startpositionen für das Finals vergeben. Die Finals folgen dann direkt aufeinander am Abend, erst Damen-, dann Herrenfinale. Pünktlich zum ersten Rennstarts begann es, entgegen aller aktuellen Voraussagen, in Strömen zu regnen. Die ersten Stürze ließen nicht lange auf sich warten. Leider erwischte es auch meinen Freund. Für ihn war, nach einem Sturz auf die Schulter, das Rennen beendet. Später sollte sich herausstellen, dass er sich das Schulterblatt gebrochen hatte.

Drei Stunden später ging es auch für mich auf die 10 Runden lange Quali. Ich wurde direkt in der Qualifikation mit Dani King konfrontiert. Fuhr auf Platz 4 jedoch sicher und klatschnass in die Superpole. Die Superpole wurde dann wetterbedingt abgesagt. Glücklicherweise, da ich nur einen Rennanzug im Gepäck hatte. Auch wenn ich es als Ex-Triathletin gewohnt bin mit einem nassen Anzug Rad zu fahren, reichte es mir, mich fürs Finale in das nasse Ding zu zwängen.

 

Die Startaufstellung erfolgte somit nach unserer Platzierung aus dem Qualifikation. Da ich im schnelleren Heat war startete ich als 4. aus Heat 2 von Position 7. Nach anfänglichen Problemen ins Pedal zu kommen, verlor ich zunächst einige Plätze und die Chance auf die Prime. Ich konnte jedoch innerhalb der ersten beiden Runden wieder in die Spitze vorfahren und übernahm dort das Tempo. Die Top Antagonist Wertung sollte diejenige gewinnen, die die meisten aller Runden anführt. Da dies sowieso am ehesten meiner präferierten Fahrweise entspricht, wollte ich dem Ganzen einen Versuch geben. Dani King attackierte in regelmäßigen Abständen, da sie jedoch von allen genau beäugt wurde, gelang es ihr nicht sich vom Feld zu lösen. Auf dem 950 m Kurs mit 2 Links- und 6 Rechtskurven jedoch auch ein schwieriges Unterfangen. Mein Rennen lief super, ich hatte unfassbar viel Spaß, auch wenn ich gefühlt ständig nur knapp unter meiner maximalen Herzfrequenz fuhr. An sich, muss ich zugeben, liebe ich Regenrennen. Über 27 Runden wurde attackiert und mehr und mehr Fahrerinnen mussten die Führungsgruppe ziehen lassen. Dann die Glocke: 28. Runde, Final Lap. Ich war weiterhin gut positioniert und meine Beine fühlten sich super an.

 

Über die Gegengerade wurde nochmals ordentlich Tempo gemacht, genauso auf dem kurzen Anstieg der Strecke. Mit 4 Mädels vor mir ging es leicht bergab auf die letzte Kurve zu, hin zur Zielgerade. Zielsprint um die Positionen! Zum Umdrehen hatte ich weder die Nerven noch die Zeit, aber ich wusste eins: Dani King ist hinter mir und schon das schien mir unglaublich. Mein einziger Gedanke „Sprinten kannst du! Podium!Podium!“ und dann ging alles ganz schnell.

Mein Hinterrad rutschte weg. Was dann genau passierte habe ich mittlerweile auf Video gesehen, weiß es aber nicht mehr genau. Erst wieder, dass ich auf dem Boden liege, mein Gesicht unfassbar schmerzt und ich meinen Mund nicht mehr vernünftig schließen kann und eine Frau versucht mich zu beruhigen. Mittlerweile weiß ich, dass es eine andere Rennfahrerin war. Eeva Sarlin. Sie war auch gestürzt, hätte aber weiter fahren können und sich damit eine Top 10 Platzierung gesichert. Sie entschied sich jedoch dafür mich nicht alleine zu lassen und mich zu beruhigen bis Hilfe kam. Mein größter Dank und Respekt für diese Geste.

 

Für mich folgten danach Krankenwagen und Medical Tent. Enttäuscht und mit Schmerzen ging es nach der Wundversorgung für mich zurück zum Fahrerlager, um in trockene Klamotten zu kommen. Mein Gesicht schwoll unterdes immer mehr an. Da ich sprechen und meinen Kiefer nun wieder schließen konnte entschied ich mich gegen das Krankenhaus und wollte mich frühestens zurück in Deutschland röntgen lassen. Vernunft geht anders, also nicht nachmachen!

Mein Happy End sollte ich dann doch noch bekommen. Ich hatte tatsächlich über das ganze Rennen die meisten Runden angeführt und wurde erneut mit dem Top Antagonist Award ausgezeichnet. Mal sehen was ich mit jetzt für Barcelona vornehme.

Auf jeden Fall: nicht stürzen!

 

 

Photocredit: Tornanti.cc